Forschergeist für neue Bio-Sorten

Züchterporträt Frans Carree

„Mich hat immer schon Forschung interessiert, Sachen entwickeln, kreativ sein. Das alles kommt bei der Züchtung zusammen“, fasst Frans Carree (Jahrgang 1974) seine Tätigkeit zusammen. Er arbeitet für de Bolster, dem einzigen Anbieter unter den größeren Saatgutunternehmen in den Niederlanden, der zu 100 % auf biologisch-zertifizierten Flächen wirtschaftet – sowohl in der Züchtung als auch in der Saatgutproduktion. Seit 2024 ist de Bolster Mitglied bei bioverita.

Carree, der nach seinem Studium „Research and Breeding“ zunächst beim konventionellen Züchtungsbetrieb Rijk Zwaan beschäftigt war, hat die Ausrichtung auf Bio sehr zu schätzen gelernt: „Ich wusste vorher nicht, wie anders es ist, im Bio-Bereich tätig zu sein. Die Firmen hier arbeiten viel enger zusammen. Zudem liegt ihr Fokus darauf, Gutes für den Planeten zu tun und nicht, die beste Sorte für maximalen Ertrag zu züchten“, so sein Fazit.

Porträt Frans Carree

Züchtung unter Bio-Bedingungen

Seit 2017 ist Carree bei de Bolster tätig. In den ersten Jahren arbeitete er eng zusammen mit Bart Vosselman. Dieser hatte sich seit den 2000er-Jahren einen Namen mit der Züchtung neuer Kürbissorten gemacht hatte. Sein samenfester Hokkaido Fictor (bioverita-zertifiziert) ist nach wie vor beliebt im Anbau, weil er besonders lange lagerfähig ist. 2007 übernahm er gemeinsam mit seinen Söhnen Frank und Patrick Hoogendoorn das Bio-Saatgutunternehmen De Bolster in Kielwindeweer. Vosselmann, heute Mitte 70, hat die Unternehmensgeschäfte inzwischen an seine Söhne abgegeben, ist aber immer noch züchterisch aktiv. Währenddessen hat Carree die Leitung des Züchtungsteams bei de Bolster übernommen. Seitdem ist die Abteilung kontinuierlich auf neun Personen angewachsen.

„Ich möchte aber nicht nur Manager sein. Es ist mir wichtig, auch praktisch mit den Pflanzen zu arbeiten. Ich bin gerne im Gewächshaus und draußen unterwegs. Schließlich muss ich eine Idee davon gewinnen, was die Anbauer brauchen“, betont er. Er kritisiert, dass die konventionellen Betriebe ihre Sorten erst im Bio-Anbau testen, nachdem sie schon auf dem Markt sind. „Es macht aber einen großen Unterschied, ob etwas von Anfang an unter Bio-Bedingungen gezüchtet wurde, ohne Düngerzugabe sowie mit wenig Bewässerung“, ist er überzeugt.

Hokkaido-Kürbis Fictor

Pilzkrankheiten passen sich an – die Züchtung auch

De Bolster hat einige Hybride im Sortiment und arbeitet auch an Unterlagen für Paprika, Tomaten und Gurken, die bisher leider nur als Hybride funktionieren. „Bei den Unterlagen brauchen wir die Hybride, um verschiedene Resistenzen miteinander zu kombinieren. Nur samenfest ginge das nicht, weil die Resistenzen auf einem einzelnen Abschnitt des Gens liegen“, erläutert der Forscher. Gleichzeitig arbeitet das Unternehmen aber mit Überzeugung an neuen samenfesten Sorten, darunter Rote Bete, Mangold und Rucola. Nur samenfeste Sorten können von bioverita zertifiziert werden. Für Rote Bete wird an einer neuen samenfesten Sorte mit Resistenz gegen Rhizomania gearbeitet. Von Rucola sind schon zwei Sorten aus Carrees Züchtungsarbeit angemeldet und auch bioverita-zertifiziert: Roxanne und Rochelle.

Beide Sorten sind relativ schossfest und bieten eine gute Ernte. Vor allem aber sind beide auf die Resistenz gegen den Falschen Kohlmehltau (Peronospora parasitica) gezüchtet. Diese Pilzkrankheit verursacht braun-schwarze Flecken auf den Blättern. Der Pilz ist überall, besonders wohl fühlt er sich bei kalten, nassen Nächten, auf die warme Nachmittage folgen. „In Europa hat sich die Resistenz bei den Sorten bis jetzt ganz gut gehalten. 2025 konnten wir aber schon ein bisschen Befall beobachten. Wir gehen davon aus, dass die Resistenz absehbar durchbrochen wird“, berichtet Carree. Die Arbeit geht also weiter, um eine neue Resistenz zu finden. Ob das frustrierend ist? „Ja, man ist nie fertig, aber das macht es auch interessant“, versichert der Züchter, und strahlt dabei.

Wilde Rauke Rochelle sowie Rucolasorten Roxanne und Esmée

Züchtungsziele für nachhaltigen Anbau

De Bolster möchte Vielfalt bieten, sowohl für den Profi-Anbau als auch für Hausgärten. Deshalb wird u.a. an Tomaten verschiedener Farben und Formen gearbeitet. Sie sollen guten Geschmack und gutes Wachstum bieten, und gleichzeitig – ganz wichtig: Resistenz gegen die Pilzkrankheit Phytohthora infestans, die gefürchtete Braunfäule, aufweisen. Carree zeigt eine auffällig wüchsige Tomatenpflanze im Freiland, die dank der Resistenz erfahrungsgemäß bis November beerntet werden kann.

„Im Moment können wir noch keine samenfesten Tomaten herstellen, die denselben Ertrag haben wie Hybride“, berichtet Carree, „aber ich glaube, dass wir da noch besser werden können.“ Der Züchter möchte erreichen, dass die Pflanzen ohne Veredelung auf eine Unterlage wüchsig sind und mit wenig Dünger und wenig Wasser auskommen. Mehrere neue samenfeste Tomaten sind bereits angemeldet. Weitere Züchtungen laufen wie die für eine neue runde Tomatensorte, deren Früchte nicht platzen, wenn sie länger am Strauch hängen.

Carree zeigt eine aktuelle Züchtungslinie von Rote Bete

Patente sind eine wachsende Herausforderung

Dann weist er auf ein Problem hin, dass viele Bio-Züchter zunehmend beschäftigt: „Unsere neuen Tomatensorten müssen resistent sein gegen das Jordan-Virus. Für diese Resistenz liegen aber Patentanträge von 25 verschiedenen Firmen für verschiedene Genabschnitte vor. Wir müssen also herausfinden, welche Resistenz wir genau brauchen und an wen wir dafür zahlen müssen. Das macht es sehr kompliziert“, erläutert Carree. Obwohl die Patentierung von Pflanzen und Tieren in der EU explizit aus der Europäischen Patentrichtlinie ausgenommen ist, sind – gemäß der NGO No Patents on Seeds – bereits mehr als 1.000 konventionell gezüchtete Pflanzensorten von europäischen Patenten betroffen.

Damit wird das sog. Züchterprivileg ausgehebelt, das Züchter:innen erlaubt, jede verfügbare Sorte für die Weiterentwicklung von Pflanzen nutzen zu können. Carree sieht kleine Firmen wie de Bolster dabei klar im Nachteil, da sie sich keine eigene Rechtsabteilung leisten können, die sich um Patent-Fragen und eventuelle Rechtsstreitigkeiten kümmert.

Samenfeste Tomate Cheralita

Züchtung getragen durch eine breite Basis

Durchschnittlich vergehen zehn Jahre, bis eine neue Sorte beim Sortenamt angemeldet werden kann. Züchtung ist also ein Langzeit-Investment und eine Sorte verursacht zunächst einmal viele Jahre Kosten, bevor sie Geld einbringen kann. de Bolster finanziert die Züchtungsarbeit ausschließlich durch die Saatgutverkäufe, denn es ist schwer, dafür Kredite bei Banken zu bekommen. Um auch zukünftig unabhängig von großen Investoren bleiben zu können, hat die Firma 2022 eine Genossenschaft gegründet.

In kurzer Zeit kamen 1.000 Mitglieder zusammen, darunter Unternehmen, aber auch viele Privatpersonen, die das de Bolster mittragen. Auch für die ausgegebenen Anleihen, also Unternehmensanteile von de Bolster, die mit Verzinsung verkauft wurden, war das Interesse groß: Bereits nach zwei Wochen wurde die Zeichnungsfrist aufgrund der großen Nachfrage beendet. „Das ist ein gutes und wichtiges Signal“, meint Carree. „Nicht nur für de Bolster, sondern auch für die Entwicklung neuer nachbaufähiger Sorten, speziell für den Biolandbau.“

Samenfeste Brokkolisorte Bobby aus der Züchtung von de Bolster

Fotos: bioverita