Wanja – der erste Apfel aus Bio-Züchtung

Eine Premiere: Diesen Herbst hat der Apfel Wanja als erste Obstsorte die bioverita-Zertifizierung erhalten. Was die Zertifizierung bedeutet? Sie belegt, dass die Sorte durchgehend auf bio-zertifizierten Flächen gezüchtet und ohne den Einsatz von chemischen Pflanzenschutzmitteln selektiert wurde. Daher ist sie von Natur aus robust und widerstandsfähig gegen typische Obstbaumkrankheiten wie Apfelschorf oder Obstbaumkrebs.

Je nach Standort kann es zu einem leichten Krankheitsbefall der Bäume kommen, aber ohne größeren Schaden anzurichten“, berichtet Züchterin Inde Sattler. Sie betreibt mit ihrem Mann Bernd Hagge-Nissen zwischen Husum und Schleswig in Schleswig-Holstein den Bioland-Obstbaubetrieb Apfelschiff.

Obst-Züchterin Inde Sattler

Wie Wanja entstand

Wanja war einer von Hunderten jungen Bäumen, die die beiden seit 1997 in ihrer Anfangszeit aus Neugier gezogen und als Hecken ausgepflanzt hatten. Wanja entstand als Sämling aus freier Abblüte, d.h. die Mutter ist bekannt (Goldparmäne), die Bestäubersorte hingegen nicht. Das Besondere: die Sämlingshecken wurden dem gemeinnützigen Projekt apfel:gut e.V. zur partizipativen Züchtung überlassen. Jeder der etwa 600 Bäume, die die beiden damals pflanzten, erhielt durch den Verein eine Nummer, wurde kartiert, und über Jahre hinweg beobachtet.

„Wanja fiel durch seine durchgehend gute Gesundheit auf – und durch einen besonders guten Geschmack. Sein feinzelliges Fruchtfleisch hat einen süß-säuerlichen Geschmack – das macht ihn aromatisch“, schwärmt Sattler und ergänzt: „Ich bezeichne Wanja als Retro-Apfel, weil er aussieht wie eine alte Sorte“.

Anzucht von Apfelbaum-Sämlingen

Optisch gegen den Trend

In Supermärkten liegen seit Jahren rot-glänzende Äpfel im Trend. In dieses Schema passt Wanja mit seiner rauen gelb-grün-orangen Schale nicht. Aber Sattler geht es genauso wie ihren Mitstreitern aus dem Verein „Apfel:gut“ primär darum, vitale Bäume zu züchten, also Obstsorten, die ausschließlich mit ökologischen Pflegemaßnahmen Früchte von hoher Qualität hervorbringen. Das ist notwendig, da üblicherweise auch im Bio-Obstanbau sehr häufig nach den Biorichtlinien zugelassene Pflanzenschutzmittel gespritzt werden.

Um Tafelobstqualität zu erreichen sogar bis zu 30 Mal im Jahr. „Das muss sich unbedingt ändern!“, findet die Apfelexpertin. Auf den Züchtungsflächen wird daher komplett auf den Einsatz von Pflanzenschutz verzichtet, um die Toleranz der Bäume gegen Krankheiten beobachten zu können. Die Pflanzung von Wanja und zukünftigen Sorten aus biologischer Züchtung verringert so perspektivisch den Einsatz von Pflanzenschutz im Obstbau.
 

Aktive von Apfel:gut bei der Sortensichtung

Zukünftige Vermarktung der Sorte

Trotz seiner guten Qualität fällt Wanja bei den Einkäufern des Handels zumindest momentan optisch durch. In der Direktvermarktung, wo es viel mehr auf den Geschmack ankommt, kommt er aber sehr gut an, weiß die Züchterin zu berichten. Wanja ist reif ab Mitte September. Dann kann er gepflückt und eingelagert werden. Wenn er kühl lagert, kann er auch Ende Dezember noch gegessen werden. Sattlers Betrieb Apfelschiff bietet wöchentlich einen Hofverkauf an und beliefert Händler in der Nähe sowie Abokisten-Betriebe im Kreis Schleswig-Flensburg und Nordfriesland.

Darüber hinaus sieht Sattler gute Chancen, Wanja als biologischen Mostapfel zu etablieren. Der Saft ist süß-säuerlich und sehr hell. „Das ist vermutlich ein Zeichen für einen hohen Vitamin C-Gehalt“, erläutert Sattler. Zwei Betriebe im Alten Land haben Wanja schon seit mehreren Jahren im Probeanbau. Der eine ist ein Mostobst-Betrieb. Das heißt, der Anfang in diese Richtung ist schon gemacht. 

„Retro“-Apfel Wanja

Wanja für den heimischen Garten

Wer Wanja bei sich pflanzen möchte, erhält Bäume (auch online) bei der Baumschule „Pflanzlust“ in Wolfhagen-Nothfelden. Wer ihn selbst vermehren möchte, kann Edelreiser im Reiser-Schnittgarten in Baden-Württemberg erwerben. An den Boden stellt die Sorte keine besonderen Ansprüche. Wanja wächst sowohl auf windigen Wiesen, als auch in geschützten Hausgärten. Auch mittlere Höhenlagen sind mögliche Standorte.

Wir freuen uns sehr über diese erste Obstsorte mit bioverita-Zertifizierung und hoffen auf eine weite Verbreitung. Weitere Apfelsorten, auch von anderen Züchter:innen, stehen in den Startlöchern für die Anmeldung. Für Bio von Anfang an – von der Züchtung bis zum Endprodukt!

Fest, saftig, intensiv süß und sauer: Eigenschaften der Sorte Wanja

Interesse, noch mehr über Obstzüchtung zu erfahren? Hier geht es zum Porträt von Apfelzüchter Niklaus Bolliger.

Fotos: Inde Sattler/Apfel:gut