Pionierarbeit ein Leben lang

„Ich verbinde viele Kindheitserinnerungen mit dem Hof meiner Großeltern. Deshalb habe ich mich relativ früh festgelegt, Bauer zu werden“, so beginnt die bewegte Lebensgeschichte von Heinz-Peter Christiansen (Jg. 1952). Heute betreibt er zusammen mit seiner Frau Barbara Maria Rudolf den Christiansen`s Biolandhof im Norden Schleswig-Holsteins. Tatsächlich absolvierte er nach der Schule eine landwirtschaftliche Lehre und ging anschließend an die Fachhochschule für Landwirtschaft. „Nebenbei, da war ich so zwischen 16 und 21“, berichtet er, „habe ich viel Jugendarbeit gemacht. Schon hier zeigt sich der Pioniergeist, der sich durch Christiansens Leben zieht: Zusammen mit den Landjugendlichen baute er eine Biogasanlage – nach Plänen, die er selbst ausgetüftelt hatte.

„Die Anlage passte in einen PKW, sodass wir sie erst zum Kirchentag und dann nach Berlin zur Grünen Woche fahren konnten. Auch Motoren haben wir umgerüstet auf Biogas mit Gardena-Sprühdüse etc.“, schmunzelt der Pionier. Nach einem Studium der Soziologie mit den Schwerpunkten Wirtschaftspolitik und Pädagogik machte er dann hauptberuflich Landjugendarbeit für die evangelische Kirche. „Natürlich war ich auch unterwegs in der Anti-Atomkraftbewegung. In Gorleben und an der Asse in Remmlingen war damals viel los. Aber bei der Kirchenleitung kam mein Engagement nicht gut an“, blickt Christiansen zurück.

Porträt Heinz-Peter Christiansen

Bio-Landwirt seit 1983

Ein nächster Abschnitt, wieder Pionierarbeit: Ein Einsatz in Brasilien für die Caritas, Landwirtschaftskurse für die Genossenschaft in Itapipoca, einer Kleinstadt inmitten wüstenähnlicher Buschlandschaft. „Bei meinem Aufenthalt habe ich hautnah erlebt, welche negativen Auswirkungen der konventionelle Anbau hat. Deshalb wollte ich, zurück in Deutschland, auf jeden Fall Bio machen. Als Landjugendreferent hatte ich schon verschiedene Biohöfe besucht. Die Gründer galten als Exoten und Aussteiger, aber man konnte sich gut vernetzen“, gibt Christiansen Einblick in die Stimmung der Zeit.

1983 war es dann soweit. Auf dem Hof seiner Familie startete er mit Bio. Zu diesem Zeitpunkt gab es in ganz Schleswig-Holstein vielleicht 20 biologisch wirtschaftende Betriebe. Anfangs setzte Christiansen auf Milchvieh, später stellte er den Hof komplett auf Gemüseanbau um. Vom neu eingestellten Gärtnermeister konnte Christiansen viel über den Gemüseanbau lernen.

Christiansens Biolandhof
Logo Christiansen`s Hof

CMS-Hybriden: Erste gentechnisch veränderte Sorten

„Wir bemerkten, dass immer mehr nachbaufähige Sorten aus dem Angebot verschwanden. Bei Kohl haben wir damals Hybride angebaut. Irgendwann (2005) wurde dann die erste CMS-Sorte angeboten“, erinnert sich Christiansen. Damit war für ihn eine Grenze überschritten, denn CMS steht für cytoplasmatisch männliche Sterilität. Dafür werden die Pflanzen durch den Einsatz von Zellfusionstechniken manipuliert. CMS-Hybriden bilden keine Pollen. Sie sind steril und damit biologisch nicht nachbaufähig. Eine Wiederaussaat oder züchterische Weiterentwicklung ist uninteressant, da die Eigenschaften nicht weitergegeben werden.

Diesen Eingriff stuft der Weltdachverband des ökologischen Landbaus IFOAM als gentechnische Veränderung (GVO) ein. Wenn die Zellfusion innerhalb einer Pflanzenfamilie angewendet wird, muss die GVO aber nicht als solche deklariert werden. Die Bio-Anbauverbände untersagen die Verwendung dieser Sorten seit den 2010er-Jahren. Im EU-Bio-Standard sind sie allerdings nach wie vor erlaubt. Dort werden sie standardmäßig angebaut, besonders bei Kohlkulturen, weil diese als CMS-Hybriden den Züchtungsfortschritt in sich tragen, wie z. B. gleichmäßige Köpfe und eine gleichzeitigere Abreife zeigen.

Christiansen beim Möhrenfeldtag im September 24

Motivation, selbst zu züchten

2007/2008 dann ein weiterer Einschnitt: Ganz in der Nähe von Christiansens Hof baute die Landwirtschaftskammer den gentechnisch manipuliertem Mais MON 810 an. „Wir hatten unseren Zuckermais nur 8 km entfernt stehen und wussten, durch die Insektenbestäubung könnte es zur Vermischung kommen“, blickt Christiansen zurück. Zusammen mit Inde Sattler (seit 2011 aktiv im Verein Apfel:gut) organisierte Barbara Rudolf Protestaktionen, die Wellen schlugen und schließlich dazu führten, dass der Versuchsanbau eingestellt wurde. An diesem Punkt war klar, dass es nicht mehr nur reichte, Gentechnik abzulehnen.

Christiansen und Rudolf entschieden, sich selbst aktiv um gentechnikfreie und nachbaufähige Sorten für den Biolandbau zu kümmern. So gründeten sie 2010 zusammen mit Großhändlern, Einzelhändlern und Privatpersonen die Züchtungsinitiative Saat:gut. e.V. mit dem Ziel, die biologische Pflanzenzüchtung zu fördern und der Öffentlichkeit den freien Zugang zu Kulturpflanzen zu erhalten. Seitdem wird auf dem 120 Hektar-Betrieb neben Getreide, nicht nur Gemüse für den Groß- und Biofachhandel angebaut, sondern auch an neuen samenfesten Sorten für den Biolandbau gearbeitet. Wieder Pionierarbeit.

Saatgut e.V. Logo
Logo des Vereins saat:gut e.V.

Erste Schritte in der Züchtungsarbeit

„Um mit der Züchtung zu beginnen, haben wir nach Blumenkohl- und Brokkolisorten gesucht, die spätestens in den 1980er-Jahren auf den Markt gekommen waren, um sicherzugehen, dass sie gentechnikfrei sind. Wir haben Kataloge aus der ganzen Welt gewälzt. Wir wollten moderne Hybridsorten als Ausgangsmaterial haben, um einen nicht so großen Züchtungsrückschritt wieder aufholen zu müssen“, berichtet Christiansen über die Anfangszeit. Diese Hybridsorten wurden dann „dehybridisiert“. Konkret bedeutet das, dass die Kohlpflanzen angebaut und zur Blüte gebracht wurden, um ihre Samen zu gewinnen.

Die Nachkommen, die aus diesen Samen entstanden, zeigten eine große Bandbreite an Eigenschaften, die sich Christiansen bei gezielten Kreuzungen und der anschließenden Selektion zu Nutze machte. Nach und nach sucht er dabei einzelne Pflanzen aus, die am ehesten den Zuchtzielen entsprachen. Dabei geht es v.a. um eine gleichmäßige Kopfbildung der Kohlpflanzen, wie Kund:innen sie von den Hybriden gewohnt sind, und eine möglichst gleichmäßige Abreife, die der Profi-Anbau braucht, um effizient arbeiten zu können. Aber genau diese Gleichmäßigkeit ist schwer zu erreichen mit offen abblühenden, samenfesten Sorten.

Blumenkohlkopf zur Blüte treibend

Erfolgreiche Sortenentwicklung

Mit Brokkoli Jule befindet sich aktuell die erste Brokkolisorte in der Sortenprüfung. Für andere Kulturen hat die langjährige Arbeit schon früher Früchte getragen. So sind mehrere Sorten Möhren (ASAP, Bollin, Lila Lu, Miso, Rainer, Silberstedter und Treenetaler), Rote Bete (Gesche und Angela), Pastinaken (Schleswiger Schnee, Primera) sowie Rettich (Rettmann) aus Christiansens Züchtung angemeldet und auch jeweils bioverita-zertifiziert. Möhren stellen die Hauptkultur auf dem Hof dar. Deshalb ist der Bedarf an neuen Sorten für verschiedene Anbau- und Erntetermine und Vermarktungsformen besonders hoch.

Die Möhren werden ab Juni frisch im Bund, ab Juli als gewaschene Möhren und von September bis ins Frühjahr hinein als Lagermöhren verkauft. Christiansen wirtschaftet auf schwarzgründigen Ackerböden mit hohem Rohhumusanteil. Dadurch sind die Möhren besonders reich an Inhaltsstoffen. Die Lagermöhren werden bewusst ungewaschen verkauft, die Erde dient als Qualitätsmerkmal. Christiansen nutzt für sie den Begriff Moorrüben und hat sich damit früh ein Alleinstellungsmerkmal geschaffen. Durch und durch Pionier eben.

Die sieben angemeldeten Möhrensorten (spaltenweise): Rainer, Lila Lu, Bollin, Miso, Silberstedter, ASAP, Treenetaler

Fotos: bioverita, Möhrenfotos z.T. Bingenheimer Saatgut AG