
Warum überhaupt ein Strategieprozess?
In den vergangenen Jahren mussten wir feststellen, dass unsere Zusammenarbeit mit dem Bio-Großhandel stagnierte. Grund dafür waren und sind die vielfältigen Krisen, die die Wirtschaftslage verschlechtern und die Kaufkraft der Konsument:innen negativ beeinflussen. Zu unserer eigenen Unzufriedenheit gesellte sich Kritik verschiedener Mitgliedsorganisationen hinsichtlich des ausbleibenden Erfolgs unserer Arbeit. Zudem bestand im bioverita-Team der Wunsch eines engeren Austauschs und einer besseren Zusammenarbeit mit den Mitgliedern. Außerdem war es uns ein Anliegen, gestärkt in die Zeit nach der Deregulierung der Neuen Gentechnik zu gehen, um Bio-Züchtung als sichere Alternative gut zu positionieren. Deshalb beschloss der bioverita-Vorstand im April 2025 die Durchführung eines Strategieprozesses. Im 15. Jahr des Vereinsbestehens nahmen wir uns also vor, gemeinsam mit unseren Mitgliedern (neu) zu erarbeiten, welche Aufgaben und Ziele bioverita zukünftig verfolgen sollte.
Offizieller Start im Juli 2025
Nach vielen Vorüberlegungen luden wir im Juli zum Auftakt des Prozesses unsere Mitglieder zu einem Treffen nach Frankfurt ein. Eingeladen waren auch Vertreter:innen der Bio-Verbände aus Deutschland, der Schweiz und Österreich, die wir ebenfalls als wichtige Partner ansehen. An diesem ersten Visions-Strategietreffen nahmen außer dem bioverita-Team 24 Personen teil, einige waren extra aus den Nachbarländern angereist. Mit der Unterstützung zweier professioneller Moderatorinnen (Maike Meyer-Oldenburg und Scherin Beuther) wurde zunächst der aktuelle Blick der Teilnehmenden auf bioverita offengelegt. Leitende Fragen dabei waren: „Wie wirksam erlebe ich bioverita“, „welchen inhaltlichen Veränderungsbedarf gibt es?“ und welche sind die „Schmerzpunkte“, an denen dringend gearbeitet werden muss? Die daraus abgeleiteten Themen waren so vielfältig, dass eine Reihe von Arbeitsgruppen gebildet wurde, die Teilbereiche vertiefend bearbeiten sollten: Ziele des Vereins, Kommunikations- und Marketingstrategie, Zusammenarbeit mit den Verbänden, Vertrauen/Partizipation, Organisationsstruktur sowie Ressourcen.
Viele Beteiligte, viele Meinungen
Im Laufe des Treffens wurde deutlich, dass die Bedürfnisse der Mitglieds- und Partnerorganisationen sehr unterschiedlich sind und deshalb (naturgemäß) auch die Erwartungen an die Arbeit von bioverita z.T. stark differieren oder sich z.T. sogar widersprechen. Gleichzeitig war es unverkennbar, dass das Thema Öko-Züchtung alle verbindet, quasi als „ideeller Kit“ der gesamten Bio-Branche dient bzw. dienen könnte – wenn es von allen gleichermaßen mit hoher Priorität behandelt würde. In der Öko-Züchtung kristallisieren sich grundlegende Werte der Biobewegung: eine naturgemäße Herstellung von gesunden und gentechnikfreien Lebensmitteln sowie der Wunsch nach Unabhängigkeit von konventioneller Massenproduktion und Konzerninteressen. Beide Aspekte erhalten eine neue Dringlichkeit durch die drohende Deregulierung der Neuen Gentechniken durch die EU. Diese birgt viele Belastungen und Risiken für den Bio-Bereich, aber auch die Chance der Profilierung mit gentechnikfreien Lebensmitteln.
Umgehen mit schlechtem Feedback
Nach dem Präsenztreffen beschäftigten wir uns bioverita-intern intensiv mit der Aufarbeitung der gewonnenen Erkenntnisse. Manches Feedback machte uns froh, andere Aspekte, z.B. dass die Vielzahl unserer Aktivitäten der letzten Jahre kaum oder gar nicht wahrgenommen worden waren, bestätigten für uns die Notwendigkeit einer Veränderung unserer Arbeit. Auch die erfahrenen Moderatorinnen waren von der Komplexität der Interessen und Themen überrascht. Mit ihrer Hilfe verschafften wir uns als Team in mehreren Online-Konferenzen Klarheit über die verschiedenen Anspruchsgruppen und schärften im Verhältnis dazu unser Selbstverständnis.
Wie weiter?
Es wurde klar, dass zuerst die Ziele des Vereins zu klären waren. Damit das Treffen der entsprechenden Arbeitsgruppe möglichst effizient ablaufen konnte, investierten wir viel Zeit in die Vorbereitung dieses Meetings, das im August unter großer Beteiligung stattfand. Rückblickend sind wir nicht mit allen Abläufen der Treffen zufrieden und sehen Verbesserungsmöglichkeiten. Gleichzeitig ist uns bewusst, dass es sich um einen interaktiven Prozess handelte, den wir oft selbst nicht gut voraussehen konnten. Im Rückblick sind wir daher einmal mehr dankbar für die Zeit und das Engagement der Teilnehmenden. Sie ließen sich nicht nur auf unsere Fragestellungen ein, sondern auch auf unser gemeinsames digitales Arbeitsmittel des Conceptboards. In den folgenden Wochen tagten außerdem noch die Arbeitsgruppen „Zusammenarbeit mit den Verbänden“ sowie „Vertrauen/Partizipation“, jeweils moderiert durch das bioverita-Team. Die Erkenntnisse aus den Online-Treffen ergänzten wir im September/Oktober durch einen Fragebogen „zu Aufgaben und zur Ausrichtung von bioverita“, mit dem uns rund 20 unserer Partnerorganisationen Feedback gaben.
Zweites Präsenztreffen in Frankfurt
Anfang Oktober fand dann ein zweites Präsenztreffen in Frankfurt statt, zu dem leider nur 8? Teilnehmer:innen kommen konnten. Auch hier hatten wir wieder Unterstützung durch die zwei Moderator:innen. Zu Beginn des Treffens stellte Amadeus Zschunke die Antworten der Fragebögen vor. Erfreulicherweise ergaben sich einige Übereinstimmungen in den Interessen, nämlich der Wunsch, die Öko-Züchtung zu stärken und dafür breite Zielgruppen anzusprechen. Produkte aus Öko-Züchtung sollten in der Vermarktung gekennzeichnet werden. bioverita solle das Netzwerk stärken, z.B. mit gemeinsamen Veranstaltungen wie des Biofach-Standes, sowie sich aktiv gegen NGT positionieren. Gleichzeitig blieben die unterschiedlichen Erwartungen der Befragten offenbar, was die anzusprechenden Zielgruppen und die Mittel dazu anging. Ein zentraler Punkt dabei: Sollte bioverita weiterhin daran arbeiten, die Verbreitung des Labels voranzubringen, um damit die Sichtbarkeit von Produkten aus Öko-Züchtung zu fördern? Oder sollte das Ziel eher allgemein sein, die Öko-Züchtung zu bewerben, ohne auf das Label abzuheben?
Erarbeitung von konkreten Zielen für die Zukunft
Die Anwesenden bekamen die Aufgabe, sich in Kleingruppen (Züchter:innen, Saatguthandel, Großhandel) mit den Kernaussagen der Befragung auseinanderzusetzen und aus ihrer jeweiligen Perspektive drei Hauptziele aufzustellen. Auch das bioverita-Team filterte drei Hauptziele heraus auf der Basis aller Aussagen unter besonderer Berücksichtigung der Perspektive der Verbände. Nun waren wir einen entscheidenden Schritt weiter: Endlich waren einige konkrete Ziele formuliert, auch wenn noch der ein oder andere gegensätzliche Anspruch an unsere Arbeit im Raum stand. Mitte Dezember organisierten wir dann ein Online-Treffen mit 12 Teilnehmenden, indem es darum ging, die erarbeiteten Ziele mit der Mission und Vision von bioverita abzugleichen.
Vorschlag zur Neuausrichtung
Rückblickend war das ganz schön viel im Jahr 2025! Mit etwas Abstand zu dem Erlebten trafen wir uns als bioverita-Team nach den Weihnachtsferien zu unserer jährlichen Klausurtagung in Rheinau. Zu viert erarbeiteten wir an drei intensiven Tagen einen Vorschlag für unsere Neuausrichtung. Neben der Formulierung konkreter Veränderungen in unserer Arbeit, entwarfen wir einen Maßnahmenplan sowie einen Jahresplan für das Jahr 2026 – zwei Dokumente, in denen sich die Neuerungen deutlich niederschlugen und die uns zukünftig als Arbeitsmittel dienen sollen. Diesen Vorschlag versendeten wir kurz vor der Biofach 2026 an alle im Prozess involvierten Personen. Da sich während der Biofach zu wenig Zeit bot, um sich intensiv über unsere Vorschläge auszutauschen, führten wir im Februar und März bereits einige individuelle Gespräche, in denen wir Rückmeldung zu unserem Vorschlag bekamen. Wir stellten erleichtert fest: Die meisten Mitglieder unterstützten das Gros unserer Vorschläge! Die Frage nach dem Umgang mit Hybridzüchtung bei bioverita wurde intensiv bewegt. Abschließend wurde gemeinsam entschieden, dass Sorten, die bioverita mit in die Sortenliste aufnimmt, nach wie vor nachbaufähig sein müssen!
Bei einem erneuten Vorstandstermin wurde das Feedback, das uns bis dahin erreicht hatte ventiliert. Es schloss sich ein abschließendes Onlinetreffen an, zu dem alle zuvor Beteiligte eingeladen waren. Hier holten wir das finale Feedback ein zum definitiven Vorschlag für die Neuausrichtung, über den dann am 29.5. bei der Jahresversammlung in Frankfurt diskutiert und mit den anwesenden Mitgliedern abgestimmt wurde.
Was die verabschiedete Neuausrichtung konkret bedeutet, lesen Sie hier.
Foto: sense think