Rückblick BIOFACH 2026

Treffpunkt Öko-Züchtung – „Gold wert für die Branche“

Ein anziehender Stand in warmer, grüner Optik, mit geballter Expertenkompetenz und Informationsangeboten für alle Wissensniveaus, reger interner Austausch und ein rundes Vortragsprogramm – so lässt sich der Treffpunkt Öko-Züchtung 2026 zusammenfassen. Nach den Sonderausstellungen zur Öko-Züchtung in den Jahren 2018 und 19 organisierte bioverita 2026 bereits zum sechsten Mal DIE Anlaufstelle für Öko-Züchtung auf der BIOFACH, der größten Biofachmesse der Welt.

Der Stand versteht sich als großes Gemeinschaftsprojekt: neben den Mitausstellern Dachverband Ökologische Pflanzenzüchtung in Deutschland e.V., Kultursaat e.V. und Ökologische Tierzucht gGmbH (ÖTZ) waren viele weitere Organisationen und Unternehmen finanziell und personell an der Realisierung des Messeauftritts beteiligt und machten ihn zu einem lebendigen Ort.

Gemeinschaftsprojekt Treffpunkt Öko-Züchtung

NGT-Deregulierung wirft ihre Schatten voraus

Die endgültige Entscheidung über die neue Gentechnik-Verordnung auf EU-Ebene ist noch nicht gefällt. Dennoch war die Unsicherheit über die Konsequenzen für die Bio-Branche auf der Biofach deutlich zu spüren. Eine Menge ungeklärte Fragen stehen für die Bio-Branche im Raum: Wie kann Bio gentechnikfrei bleiben? Welche Kosten kommen auf Bio-Hersteller zu, wenn sie in Zukunft nachweisen müssen, dass ihre Produkte keine Gentechnik enthalten? Wie sehr schränkt es die Öko-Züchtung ein, wenn gentechnisch veränderte Pflanzen zukünftig mit Patenten belegt sein werden?

Aber auch: Wird es einen positiven Schub für Bio geben, wenn Verbraucher:innen realisieren, dass zukünftig nur noch Bio-Lebensmittel Gentechnikfreiheit garantieren? Schließlich ist eine Kennzeichnungspflicht für Produkte aus gentechnisch veränderten Pflanzen nicht vorgesehen. Für die Bio-Branche ist aber klar: Keine Gentechnik auf unseren Äckern und Tellern!

Öko-Züchtung als zukünftige Alternative zu NGT

Bald könnten erste Gentech-Lebensmittel auf den Markt kommen

So behandelten neben vielen Gesprächen am Treffpunkt Öko-Züchtung auch mehrere Veranstaltungen im Rahmen des Biofach-Kongresses das Thema. In der Veranstaltung „Neue Gentechnik wie sichern wir die gentechnikfreie Züchtung und damit die ganze Lieferkette?“ am Messe-Donnerstag machte Gebhard Rossmanith vom Dachverband Ökologische Pflanzenzüchtung klar: „Sollten Anbau und Verarbeitung von gentechnisch veränderten Pflanzen ohne Risikoprüfung und Kennzeichnung in Kürze genehmigt werden, könnten bereits 2028 erste Lebensmittel mit Gentechnik auf den europäischen Markt kommen.“

Entsprechend sei es dringend notwendig, dass jedes einzelne Unternehmen der Bio-Branche verstehe, dass es jetzt schon um die Sicherstellung der eigenen, gentechnikfreien Warenströme, und damit um den Erhalt des Geschäfts gehe. Jetzt müsse die ganze Branche aufwachen und Endkund:innen müssten darüber informiert werden, was absehbar auf sie zukommt.

Gebhard Rossmanith

Sorten aus Öko-Züchtung als Teil der Antwort

Lena Hüttmann von der IG Saatgut erklärte in ihrem Vortrag am Treffpunkt Öko-Züchtung: „Auch wenn es für die meisten Verbraucher:innen paradox klingen dürfte, ist es doch nach wie vor Realität: Der Ökolandbau ist abhängig von konventioneller Züchtung und Saatgutbereitstellung. Noch gibt es längt nicht ausreichend Sorten und Saatgut aus Öko-Züchtung.“

Sie machte deutlich, dass es noch unklar sei, ob die konventionellen Züchtungshäuser auch nach der Neuregulierung garantiert gentechnikfreie Sorten und Saatgut zur Verfügung stellen. Der Ausbau der Öko-Züchtung sei deshalb umso dringlicher. Daran anknüpfend gaben drei Vorträge von Bio-Pflanzenzüchter:innen praktischen Einblick in die Sortenentwicklung unter Bio-Bedingungen.

Lena Hüttmann während ihres Votrags

Polygene Toleranzen bei Äpfeln

Inde Sattler, Apfel-Züchterin von Apfel:gut e.V., einem Zusammenschluss von dezentral arbeitenden Obstzüchter:innen, berichtete über die zunehmenden Probleme im Bio-Obstanbau durch mehr Feuchtigkeit und starke Temperaturschwankungen. Sie betonte: „Wir brauchen resiliente Systeme und regional angepasste Sorten. CRISPR/Cas wird uns nicht weiterhelfen. Durch die lange Beobachtung der Bäume in den Betrieben können wir die Klimaresonanz der Bäume bestimmen.“ Während die Strategie monogener Resistenzen das Risiko von Resistenzdurchbrüchen mit sich bringt, setzt Apfel:gut e.V. auf polygene Toleranz.

Das bedeutet, dass ein Baum zwar von verschiedenen Krankheiten betroffen sein kann, damit jedoch so gut zurechtkommt, dass er trotzdem Früchte trägt. „Uns ist die Vitalität der gesamten Pflanze draußen im Feld wichtig, nicht nur im Labor“, strich die Züchterin hervor und fasste damit die generelle Zielsetzung der Bio-Züchter:innen zusammen.

Apfelzüchterin Inde Sattler

Sortenvielfalt beim Gemüse

Highlight der Veranstaltungsreihe am Stand war wohl die Auftaktveranstaltung für eine Reihe von Feldgesprächen, die in diesem Jahr an verschiedenen Züchtungs- und Saatgutstandorten stattfinden werden. (https://www.ig-saatgut.de/themen/feldgespraeche/) Ein Züchter und eine Züchterin vom Züchternetzwerk Kultursaat e.V., brachten ihre Arbeit mit auf die Biofach und legten Selektionsreihen einer Steckrübe und einer Möhre aus. Ein ungewöhnliches Bild im Messetrubel, das viele Besucher:innen spontan ermutigte, zuzuhören. Züchter Sebastian Vornhecke berichtete von seiner Züchtungsarbeit an der Steckrübe Hedwig. Zunächst sichtete er jede Menge Steckrübensorten aus Tschechien, Finnland und Schottland.

Ziel war es, eine rotköpfige Steckrübe mit gutem Geschmack zu züchten. „Dazu ist es sinnvoll, zunächst eine geeignete Ausgangssorte zu finden. Es macht wenig Sinn, eine Sorte komplett verändern zu wollen.“ An den vielen ausgelegten Steckrüben konnte er anschaulich zeigen, worum es ihm bei der 10-jährigen Selektion ging: die einheitliche Größe der Knollen, der rote Kopf und die durchgehend gelbe Fleischfarbe – und ganz wichtig: der Geschmack. Viele Besucher:innen probierten auf der Messe zum ersten Mal überhaupt eine Steckrübe und wurden angenehm überrascht von ihrem mild-nussigen Aroma, gerade beim Rohverzehr.

Steckrüben für die Selektion

Erhalt von Sorten-Eigenschaften

Züchterin Johanna Fellner berichtete beim Feldgespräch von der Erhaltungszüchtung der Möhre Rodelika. Diese ist eine der ersten Sorten aus Bio-Züchtung überhaupt. Gezüchtet wurde sie von Pionier Dieter Bauer und ist seit gut 15 Jahren am Markt etabliert. Damit Gemüsesorten ihre ursprünglichen Eigenschaften behalten, werden in der sog. Erhaltungszüchtung die Exemplare aus einem Pflanzenbestand selektiert, die dem Sortenbild am engsten entsprechen. Nur von diesen Exemplaren wird dann das Saatgut für die Vermehrung gewonnen. Johanna Fellner schulte den Blick der Besucher:innen für die „perfekte“ Möhre. Die Züchterin achtet neben dem spezifischen Geschmack auf eine gleichmäßige konische Form und Länge, wohlgeformte Schultern und ein abgerundetes Ende der Möhren.

Letzteres ist zudem ein Erkennungsmerkmal für die Reife der Möhre. Der Einblick in ihre Züchtung machte anschaulich, wie unterschiedlich die Möhren vor der Selektion aussehen und schmecken können – und wie aufwändig der Prozess ist, die besten Exemplare für die Züchtung herauszufiltern. Gleichzeitig konnten beide Züchter:innen zeigen, was gentechnikfreie Züchtungsarbeit bedeutet: Ganzheitliche Züchtung, die die Integrität der Pflanze achtet, auf dem Feld stattfindet und ausschließlich durch Selektion und ggf. Kreuzungen zum gewünschten Ziel führt.

Züchterin Johanna Fellner

Herausforderungen in der Tierzüchtung

Zuletzt berichtete Inga Günther-Bender von der Ökologischen Tierzucht gGmbH (ÖTZ) über die Herausforderungen in der Tierzüchtung. Diese sind mindestens genauso groß wie in der Pflanzenzüchtung. Auch die Tierzüchtung ist stark unterbesetzt, personell und finanziell. Hinzu kommt: „Weite Teile der Branche haben die Risiken, die das Thema Tierzucht birgt, noch nicht ausreichend im Bewusstsein“, stellte die Züchterin klar. Dabei entwickeln sich Züchtungstechniken bei Nutztieren rasant weiter.

„Wenn Richtlinien erlassen werden, die diese Techniken ausschließen, ist es umso wichtiger, sich auf fachlicher und lösungsorientierter Ebene damit auseinanderzusetzen. Parallel dazu müssen alternative Züchtungsansätze gestärkt werden.“ Sie verwies auf die Kampagne „1 Cent für die Zucht“, in die der Naturkosthandel in den letzten Jahren schon über zwei Millionen Euro investiert habe: „Das könnte anderen Branchen-Vertreter:innen ein Vorbild sein.“

Züchterin Inga Günther-Bender

Erfolge des Gemeinschaftsstandes

Die Präsenz der Öko-Züchtung auf der Biofach ist nach wie vor nicht wegzudenken. Immer noch ist das Thema zu wenig in der Branche angekommen, zu groß die Abhängigkeit von der konventionellen Züchtung, die in Anbetracht der Deregulierung der Neuen Gentechniken, kritischer zu betrachten ist als zuvor. Die Züchtungsarbeit alleine kann dieses Problem nicht lösen. Die gesamte Wertschöpfungskette muss sich der Sortenfrage annehmen und gemeinsam neue Wege gehen.

Welcher Ort eignet sich als Startpunkt dazu besser, als die Biofach? Die Teilnehmenden des Gemeinschaftstandes zeigten sich zufrieden damit, Interesse bei vielen Besucher:innen geweckt und vertiefende Gespräche mit Vertreter:innen der Branche geführt zu haben. Der einladende Messestand ist im wahrsten Sinne ein Treffpunkt, der alljährlich ein Forum zum vertiefenden Austausch und Entwickeln neuer Ideen bietet, die die Sorten aus Öko-Züchtung voranbringen.

Ein Forum für vielfältigen Austausch

Fotosnachweis: Foto 8 ÖTZ, Rest bioverita